Fachwissen

Mobilität für morgen

Unsere tradierte Mobilität, mit fossilen Kraftstoffen befeuert, muss nachhaltiger werden. Ein komplexes Unterfangen mit vielen Facetten. Wohin führt der Weg?

Der Blick zurück in die Geschichte der Menschheit zeigt, dass die Mobilität ein Grundstreben des Menschen ist. Mehr noch, sie stellt auch eine Art Erfolgsfaktor unserer Spezies dar, führten die eigentlich aus der Not geborenen frühzeitlichen Wanderungsbewegungen letztlich zur globalen Präsenz. Hing das Überleben damals also unmittelbar vom Mobilsein ab, so sehen wir uns im 21. Jahrhundert mit einer ähnlichen Situation konfrontiert – allerdings im umgekehrten Sinne. Denn heute bedroht die entgrenzte Form der Mobilität unsere Lebensgrundlagen. Eigentlich eine absurde Situation.

 

Einst Mühsal, dann Vergnügen

Jahrhundertelang war der Mensch, wollte er von A nach B kommen, auf sich selbst gestellt. Er war primär ein Fussgänger, Ochsenkarren waren derweil dem Warentransport, Kutschen dem Adel vorbehalten. Die Wege waren schlecht, die Gefahren und die Mühsal gross. Daher machte sich nur auf den Weg, wer unbedingt musste. Oder die Obrigkeit in den Krieg zog. Selbst Goethe benötigte drei Anläufe, bis er 1786 zur legendären Italienreise aufbrach.

All dies änderte sich schlagartig mit der ersten industriellen Revolution Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Dampfmaschine auf Schienen steigerte das Tempo, die Distanzen schrumpften und das Risiko, unterwegs zu Schaden zu kommen, sank rapide. So kam mit der Eisenbahn der Tourismus, auch in die Schweiz, wo immer spektakulärere Strecken in die Alpen lockten und Sehnsuchtsorte entstehen liess. Mobilität wurde zur technischen Herausforderung, das immer Weiter, Schneller und Höher zum Credo des Mobilseins überhaupt. Die Pferdetram, das Dampfschiff, das Auto, das Luftschiff und schliesslich das Flugzeug sind logische Entwicklungen.

 

Täglich 90 Minuten unterwegs

Heute stehen wir in gewisser Weise auf dem Höhepunkt unserer Mobilitätsoptionen, auch wenn sich der Weltraum entgegen der Versprechen agiler Unternehmer nach wie vor der Allgemeinheit entzieht. Wird mobil sein meist mit beruflichen Notwendigkeiten verbunden, sprechen die Zahlen anders: 44 Prozent aller Fahrten, egal mit welchem Verkehrsmittel, legen Schweizer*innen in ihrer Freizeit zurück, nur 24 Prozent dienen beruflichen Zwecken (Bundesamt für Statistik, bezogen auf 2015). Ähnliche Zahlen gelten für andere europäische Länder. Und noch etwas erstaunt: Die durchschnittliche Zeit, die Menschen jeden Tag unterwegs sind, beträgt 60 bis 90 Minuten. Dieser Wert ist seit vielen Jahrzehnten unverändert und weder länder- noch kulturspezifisch. Dafür variieren die dabei zurückgelegten Strecken, der Schweizer kommt auf durchschnittlich 36,8 Kilometer pro Tag, während Schweizerinnen zehn Kilometer weniger mobil sind. Auch das ist eine Konstante: Mobilität ist in erster Linie männlich – und wird primär mit dem eigenen Fahrzeug zurückgelegt. Der öV wird lediglich für 17 Prozent der Strecken herangezogen, selbst im Bahnland Schweiz.

 

Der Impact steigt

6,3 Millionen Strassenfahrzeuge sind in der Schweiz zugelassen, davon knapp 4,7 Millionen PKW (2021), 32 Prozent mehr als im Jahr 2000. Zwar war jedes achte, 2021 zugelassene Neufahrzeug ein Elektroauto, doch wiegt das den allgemeinen Zuwachs an Emissionen nicht auf. Im Gegensatz zu anderen Sektoren produziert der Verkehrsbereich immer mehr Klimagase, in Deutschland etwa entfallen allein 95 Prozent auf den Strassenverkehr. Der Zuwachs an Autos, die steigenden Kilometerleistungen und auch der weiterhin hohe fahrzeugspezifische Bedarf an fossilen Kraftstoffen gelten als Hauptgründe.

 

Transformation wohin?

Die Transformation der Individualmobilität, wie wir sie gewohnt sind, ist nicht nur aus Klimaaspekten unumgänglich. Zum Aspekt des Energieträgers gesellen sich noch die Themen des Ressourcenverbrauches, des Flächenbedarfes und der Entsorgung. In der Summe ergibt sich ein komplexes, wechselwirkendes Szenario, das mit den etablierten Denkweisen kaum aufzulösen ist. So empfehlen Wissenschaftler den Ausbau des Material-Recyclings, den vermehrten Einsatz nachwachsender Rohstoffe zuungunsten von Kunststoffen. Das gilt auch für die Elektromobilität, bei der momentan Qualitäten wie Ressourcenminimierung, Batterie-Recycling, Langlebigkeit oder Gewichts-Reduktion nur untergeordnete Bedeutung haben. Würde man das Prinzip des eigenen SUV-PKW einfach elektrifizieren, blieben Stauphänomene, Flächenverbrauch und Ressourcenbedarf unverändert. Und kommt der Strom aus Kohle- oder Gaskraftwerken, ist die Ökobilkanz vollends dahin.

Ein Lösungsansatz könnte die multimodale Mobilität sein. Das bedeutet, auf dem Weg von A nach B unterschiedliche Verkehrsmittel zu nutzen, die in der Summe einen ökologisch, wirtschaftlich und zeitlich optimalen Mix ergeben. Mehr noch: Während wir heute mit Universalautos unterwegs sind, wären spezifische Fahrzeuge besser. Für den Stadtverkehr würden kleine, leichte und mit geringer Batteriekapazität ausgestattete E-Autos reichen, für die Langstrecke wiederum eignen sich andere Konfigurationen.

 

Ganzheitlich und nachhaltig planen

Aber auch der Fuss- und Radverkehr braucht neue Konzepte, die nicht immer in Einklang stehen. Die geradezu explodierten LKW-Verkehre sind ein ungelöstes Problem, der Flugverkehr ebenso. Grüner Wasserstoff und synthetische Kraftstoffe stehen am fernen Horizont.

Unbestritten: die Mobilität muss nachhaltig werden. Die Technologie wird Teil der Lösung sein, aber nicht allein, es geht auch um die Neusetzung von Prioritäten, im kleinen wie im großen Maßstab. Die Transformation ist spannend und herausfordernd zugleich, aber sie kann uns ganz neue Qualitäten bringen.

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